Alle zwei Jahre vergibt die Landesregierung unter wechselnden Mottos den Streuobstpreis Baden-Württemberg an Einzelpersonen und Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern, Vereine, Verbände, Mostereien, Gemeinden, Unternehmen, Streuobstinitiativen sowie Schulen, Kindertagesstätten und sonstige Bildungseinrichtungen, die vorbildliche Projekte im Bereich Streuobst umsetzen. Der Preis ist insgesamt mit 4.500 Euro dotiert und wird in der Regel an drei Personen verliehen. Der nächste Streuobstpreis wird 2027 ausgeschrieben.
Am 28. September 2026 wurde im historischen Keltermuseum in Tübingen-Unterjesingen der Streuobstpreis Baden-Württemberg 2025 verliehen. Unter dem Motto „Kreative Verwertungsansätze für Streuobst“ zeichnete das Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat drei Projekte aus, die auf besondere Weise zeigen, wie vielfältig und innovativ Streuobst genutzt, verarbeitet und vermarktet werden kann.
Staatssekretärin Sarah Schweizer überreichte die Auszeichnungen und würdigte das Engagement der Preisträgerinnen und Preisträger für den Erhalt der baden-württembergischen Streuobstwiesen. Die ausgezeichneten Projekte verbinden Tradition und handwerkliches Können mit innovativen Ideen, regionaler Wertschöpfung und einem starken Bewusstsein für den Schutz der Kulturlandschaft.
Folgende Preisträgergruppen wurden mit dem Streuobstpreis ausgezeichnet:
Netzwerk Streuobst Mössingen: „Pruno – Kernkraft aus dem Steinlachtal“
Aus einem vermeintlichen Nebenprodukt wird ein besonderes regionales Genussprodukt: Das Netzwerk Streuobst Mössingen stellt aus Zwetschgenkernen und Birnendestillat den „Pruno“ her – einen schwäbischen Amaretto. Die Idee dahinter ist ebenso originell wie naheliegend: Der typische Geschmack von Amaretto wird durch Benzaldehyd geprägt, das traditionell unter anderem aus Aprikosenkernen gewonnen wird. Das Netzwerk überträgt dieses Prinzip auf die heimische Zwetschge und entwickelt daraus einen regionalen „Amaretto“. Dabei steckt im Pruno weit mehr als eine kreative Rezeptidee. Die Zwetschgenkerne stammen aus dem Café Pausa, einem integrativen Betrieb der AiS, dessen Grüngruppe die Zwetschgen erntet. Die Rohstoffe kommen aus einem Umkreis von rund fünf Kilometern und werden anschließend lokal vermarktet. So verbindet das Projekt ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Die Streuobstwiesen, von denen die Zwetschgen stammen, werden extensiv bewirtschaftet und teilweise im Rahmen des Patenschaftsprojekts „myBäumle.de“ wieder in Nutzung gebracht. Der Pruno zeigt damit eindrucksvoll, wie aus einem Nebenprodukt ein hochwertiges Regionalprodukt entstehen und gleichzeitig Streuobstpflege, soziale Teilhabe und regionale Wertschöpfung miteinander verbunden werden können.
Japfel: Mit Baumpatenschaften Streuobstwiesen erhalten
Beim Projekt japfel aus Jagsthausen steht nicht ein einzelnes Produkt, sondern die persönliche Verbindung zu einem konkreten Streuobstbaum im Mittelpunkt. Kundinnen und Kunden übernehmen die Patenschaft für einen Baum und erhalten im Gegenzug Erzeugnisse von den Patenbäumen – ergänzt durch eine personalisierte Urkunde mit den Koordinaten des jeweiligen Baumes. Aus den Äpfeln entstehen Japfelmus, Japfel-Cider und Japfel-Essig. Dabei verbindet das Projekt traditionelle handwerkliche Verfahren mit moderner Vermarktung: Das Mus wird von Hand hergestellt, der Saft für den Cider mit einer traditionellen Korbpresse gepresst und der Essig im Glaskolben vergoren. Gleichzeitig setzt japfel konsequent auf Digitalisierung. Über einen QR-Code auf den Produkten können Kundinnen und Kunden nachvollziehen, von welchen Wiesen die Äpfel für ihr Produkt stammen. Die gesamte Abwicklung der Baumpatenschaften erfolgt digital über die Website. Besonders ist auch der Ansatz bei der Bewirtschaftung: Die drei Wiesen mit insgesamt rund drei Hektar waren zuvor teilweise verwildert und wurden gezielt wiederhergestellt. Dazu gehören Entbuschung, Pflegeschnitte, Neupflanzungen sowie die Aufarbeitung von Trockenmauern und Steinriegeln. Auf den Flächen stehen inzwischen mehr als 220 Hochstämme alter regionaler Sorten. Die Wiesen werden extensiv bewirtschaftet. Auf Dünger und Pflanzenschutzmittel wird verzichtet, wertvolle Strukturen wie Totholz, Reisighaufen und Schutzstreifen bleiben erhalten. Führungen, ein Lehrpfad und Kooperationen mit Vereinen und Bildungseinrichtungen machen die Streuobstwiesen zudem für die Bevölkerung erlebbar. Mit den Baumpatenschaften entsteht so eine persönliche Verbindung zwischen Menschen, einzelnen Bäumen und der Kulturlandschaft – und damit ein innovativer Ansatz für den langfristigen Erhalt der Streuobstwiesen.
BODEG eG: Vom Apfel-Cider bis zum Birnen-Balsamico
Die BODEG eG aus dem Naturpark Obere Donau zeigt, wie vielfältig hochwertige Streuobstprodukte sein können. Vom Apfel-Cider über verschiedene Essige bis hin zum Birnen-Balsamico entstehen aus regionalem Streuobst besondere Produkte. Geplant sind außerdem Perry und Birnenmost, um insbesondere die landschaftsprägenden Mostbirnbäume stärker in Wert zu setzen. Traditionelle Herstellung trifft dabei auf ungewöhnliche Produktideen. Neben verschiedenen Fruchtessigen reift beispielsweise ein Apfel-Wacholderbrand in Fässern des Klosters Beuron. Damit verbindet die BODEG zwei typische Kulturlandschaften des Naturparks Obere Donau: Streuobstwiesen und Wacholderheiden. Auch die Vermarktung macht Streuobst erlebbar. Die Produkte werden unter anderem im Klosterladen und im Haus der Natur in Beuron, in regionalen Dorf- und Hofläden sowie über weitere Handelspartner angeboten. Bei Apfelfesten, Märkten, Produktverkostungen und Sortenspaziergängen können Interessierte die Vielfalt alter Obstsorten und ihrer Produkte kennenlernen. Ein geplanter Streuobstlehrpfad am Kloster Beuron verbindet zudem Natur, Kulturgeschichte und Genuss. Besonders kreativ sind dabei die vorgesehenen Essig-Tasting-Boxen, die nach dem Prinzip von Vogelnistkästen gestaltet werden und über QR-Codes Informationen zur Verkostung vermitteln. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit mit den Streuobstwiesenbesitzerinnen und -besitzern. Die BODEG schließt Erzeugerverträge mit Bewirtschaftenden im Naturpark Obere Donau und vergütet neben dem Obst auch besondere ökologische Leistungen. Dazu gehören beispielsweise extensive Mahd, der Erhalt alter Habitatbäume, Neupflanzungen, eine hohe Sortenvielfalt, die Anlage weiterer Biotope oder naturpädagogische Angebote. Damit wird nicht nur das Streuobst selbst in Wert gesetzt, sondern auch der ökologische und gesellschaftliche Mehrwert der Streuobstwiesen.
Der 5. Streuobstpreis des Landes stand unter dem Motto "Streuobstbestände im Wandel - Aufwerten. Neuanlegen und Nachpflanzen." und wurde am 25. April 2024 im Obstbaumuseum Glems durch Herrn Minister Peter Hauk MdL verliehen.
Folgende Preisträgergruppen wurden mit dem Streuobstpreis ausgezeichnet:
Oliver Schmid
Oliver Schmid hat durch seine überdurchschnittlich
engagierte Einzelinitiative überzeugt. Mit großer Leidenschaft setzt er sich für den Erhalt der Kulturlandschaft rund um
Diegelsberg im Landkreis Göppingen ein. Durch die eigenständige und sehr erfolgreiche Veredelung und Anzucht alter und regionaler
Streuobstsorten setzt er wichtige Akzente für die Erhaltung der Sortenvielfalt. Durch die Neupflanzungen schafft er neue
Streuobstwiesen. Gleichzeitig erhält der geprüfte Obstfachwart mit Hingabe alte Bestände durch fachgerechten Schnitt und
Seilklettertechnik.
Arbeit in Selbsthilfe gGmbH (AiS)
Die AiS verfolgt mit ihrem Betriebskonzept einen ganzheitlichen
Ansatz von der Pflege der Streuobstwiesen bis hin zur Verwertung des Obstes. Die inklusive Grüngruppe Streuobst und Naturschutz der
AiS leistet einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Streuobstwiesen in der Region. Die Arbeiten reichen vom fachgerechten Baumschnitt im
Winter, der Mahd im Frühjahr inklusive der Verwertung des Schnittguts bis hin zur Ernte und der damit verbundenen Verarbeitung des
Obstertrags. Eine Besonderheit des Betriebs sind die Verwertungsstrukturen. Für die Verwertung des Obstes betreibt die AiS
Grüngruppe die Dorfmosterei in Bodelshausen. Dort wird das Obst von und für Kunden sowie das eigene Obst zu Saft verarbeitet. Die
Säfte werden direkt in den betriebseigenen Verkaufsstellen vermarktet und im Ausschank der Cafés angeboten.
Verein zur Erhaltung bedrohter Tierarten und ihrer Lebensräume e. V.
Der Verein zum Erhalt bedrohter Tierarten und ihrer
Lebensräume e.V. (VEbTiL) engagiert sich seit über vier Jahrzehnten für die Erhaltung von Streuobstbeständen in der
Region zwischen Tübingen und Herrenberg. Der Verein agiert sehr vernetzt und arbeitet öffentlichkeitswirksam mit Behörden,
Schäferinnen und Schäfern sowie Landwirtinnen und Landwirten zusammen. Durch diese Kombination von theoretischem Wissen und
praktischem Können werden die meist vereinseigenen Wiesen optimal gepflegt.